Die neuen Top Level Domains (nTLDs) – Top oder Flop? Ein Fazit zum 2. Jahrestag.

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Mittlerweile gibt es sie schon 2 Jahre, die neuen Top Level Domains – kurz nTLDs genannt. Was hat sich in diesen Jahren getan? Sind nTLDs erfolgreich? Und wie sieht der Markt derzeit aus? Ein Fazit zum 2. Jahrestag.

nTLD? Was ist das eigentlich…

nTLD ist eine Abkürzung und steht für “new Top Level Domain” – auf Deutsch “neue Top Level Domain”. Grundsätzlich bezeichnen TLDs den letzten Abschnitt einer Internet-Domain bzw. Website. Ist diese z.B. www.easyname.at entspricht .at der Top-Level-Domain.

Gängige TLDs sind länderspezifisch (ccTLDs) wie .at, .de und generisch (gTLDs) wie .com, .net oder .org. Seit 2015 gibt es jedoch zahlreiche neue TLDs, die nTLDs, wie beispielsweise .site, .online, .vip, .shop oder .download.

… und wozu braucht man neue Top Level Domains?

Grund für die Einführung neuer Domain-Endungen ist die Verknappung vorhandener TLDs. Beliebte Endungen wie .at oder .com sind mittlerweile sehr schwer zu ergattern. Zudem war es kaum mehr möglich kurze, einprägsame Internetadressen zu erstellen. Wer möchte schon elends lange URLs registrieren wie z.B. hotel-sacher-wien.co.at? Da ist sacher.wien schon wesentlich schöner!

So wurde 2008 von der Internet-Verwaltung ICANN beschlossen, neue Domain-Endungen einzuführen, um beide Herausforderungen zu bewältigen. Es ist nun also möglich kurze, knackige Internet-Adressen zu erstellen, mit fast jeder erdenklichen Endung wie z.B. .wien (Städte-Endungen), .dog (Hobby-Endungen) oder .blog (Community-Endungen).

Neue Top Level Domains: Ein Marktüberblick

Das klingt enorm vielversprechend. Denken Sie dabei an Domains wie veltliner.bio, smartcity.wien, abc.xyz. Diese URLs sind kurz, äußerst einprägsam und sind wir uns ehrlich, einfach schön.

Doch was denkt der Markt über nTLDs? Sind sie wirklich so erfolgsgekrönt wie angenommen?

Die Antwort ist eher ernüchternd. Obwohl der Ansturm auf den Kauf neuer Top Level Domains überraschend groß war und sich zahlreiche Firmen Marken (.google, .amazon), USPs (.beauty) oder Gewerbe (.immo, .photography) für sich beanspruchen wollten, ist die Verwendung bisher ausgeblieben. Sowohl was die Großen wie Google, Sony oder Amazon betrifft (die sich wohl eher unnötig heftige Preisschlachten geliefert haben), als auch die Normalverbraucher.

Tatsächlich konnten sich bisher von 1.200 angebotenen nur 515 nTLDs durchsetzen – der Rest ist im Dickicht des Internets wieder verschwunden. Zudem wurden in den letzten 2 Jahren nur rund 27 Millionen Domains (21,9%) mit neuen Endungen registriert: Das klingt zwar im ersten Moment gar nicht so wenig. In anbetracht wofür die Adressen aber verwendet werden, ist das Ergebnis eher frustrierend: Die meisten nTLDs werden bis dato kaum genutzt (66% unter 10.000 Registrierungen). Von den aktiven Domains werden nur 38,1% wirklich genutzt, die restlichen 61,9% dienen als Weiterleitung bestehender Webpräsenzen, werden geparkt oder nur spekulativ zum Verkauf registriert.

Warum ist der Ansturm ausgeblieben?

Verbreitete Probleme mit nTLDs

Das größte Manko ist wohl, dass die Bekanntheit neuer Domain-Endungen außerhalb der Branche kaum existiert. Wer nicht gerade zufällig eine neue Domain registrieren möchte, bekommt von nTLDs reichlich wenig mit. Hier fehlt es also durch die Bank weg an geeigneten Marketingmaßnahmen.

Und diejenigen die eine neue Domain registrieren möchten und nicht gerade Super-Nerds sind, sind oftmals von der Vielzahl verfügbarer Domain Endungen überfordert. Soll ein Fotograf .photo, .photos, .photography oder doch eher .pics oder .pictures als nTLD wählen? Soll ein Immobilienhändler .build, .haus, .house, .immo oder doch .immobilien wählen? Hier hat ICANN eindeutig die Quantität neuer TLDs vor die Qualität gestellt.

Auch die Begeisterung technisch-affiner User konnten nicht geweckt werden: Grund dafür ist sicherlich, dass viele Domain Anbieter mit extrem niedrigen Kosten in den Markt gegangen sind – diese Preise aber einfach nicht halten können. Das vergrault Bestandskunden. Es ist also jetzt schon vorhersehbar, dass viele Domains nicht verlängert werden und sich die Anzahl aktiver nTLDs zunehmend verringern wird.

Auch ein Blick in die Zukunft verrät, dass es schwieriger wird Domains optisch zu erkennen. Denn wer würde hinter great.food eine Website vermuten? Oder hinter veltliner.bio, einfach.essen und daswolf.restaurant? Auch das schmälert heutzutage noch das Vertrauen in nTLDs und hindert Anwender davor, diese einzusetzen. 

Technische Probleme mit nTLDs

nTLDs stecken derzeit noch in Kinderschuhen: keine Frage! Deswegen seien ihnen die kleineren, technischen Wehwehchen durchaus verziehen. nTLDs kämpfen nur leider mit einem großem Problem: der Universal Acceptance. So kann derzeit nicht gewährleistet werden, dass alle TLDs von allen Web-Clients einwandfrei unterstützt werden. Wird also eine URL oder E-Mail Adresse mit neuer Domain Endung gegen eine nicht aktuell gehaltene TLD-Liste geprüft, kann es passieren, dass diese abgewiesen wird. Und der User weiß oft nicht einmal warum. Im worst-case werden also potentielle Neukunden oder gar Käufer mit nTLDs unfreiwillig ausgeschlossen. Eine Katastrophe!

Um dies in den Griff zu bekommen, hat die Organisation Mozilla ein großes Open Source Projekt gestartet und die Public Suffix Liste erstellt, in der laufend alle neuen TLDs eingetragen werden. Website Betreiber können diese Liste gratis nutzen, um bei Registrierungen gegen diese zu prüfen, damit alle User gleich behandelt werden.

Ein guter Weg in die richtige Richtung: Doch es wird noch lange dauern, bis alle Website-Betreiber auf diesen Zug aufspringen. Bis dahin werden User enttäuscht, die eine nTLD nutzen, die sie nicht 100%ig einsetzten können.

Es sind also noch jede Menge Fragen offen und Unklarheiten vorhanden, welche nTLDs davor hindern ins Rampenlicht gestellt zu werden.

Ist nun alles schlecht an nTLDs?

Wir meinen: Nein! Nicht so streng betrachtet, sind nTLDs ein Gewinn für das Internet, und können, richtig angewendet, mehr Struktur schaffen. Denn Domain-Extensions bringen Klarheit über den Typ, Content, Zweck und Standort einer Website.

Zudem gibt es Domainendungen, die von Anfang an Vertrauen und Zustimmung genossen haben, wie beispielsweise Städtedomains (.wien, .hamburg, .berlin, .london, etc.) und Gebietsdomains (.tirol, .wales, .nrw, etc.).

Und obendrein bieten sie einfach mehr Möglichkeiten in der Auswahl neuer, kurzer, einprägsamer und schöner URLs.

Fazit: nTLDs – Top oder Flop?

Wir sagen: Top! Denn nTLDs werden langfristig gesehen das Internet revolutionieren, Struktur und Klarheit bringen und dem User somit noch mehr Usability verschaffen.

Wir sagen aber auch: Flop! Denn die Einführung neuer Top Level Domains ist nicht gerade optimal verlaufen. So ist das Vertrauen vieler User jetzt schon gebrochen und dieses wiederherzustellen wird ein langer, mühsamer Prozess. Auch sind noch viele technische Hürden zu meistern, bevor nTLDs im Glanz ihres Seins erscheinen können.

Daher werden sich wohl einige der nTLDs durchsetzen und etablieren, andere wohl wieder langfristig vom Markt verschwinden. nTLDs sind auf jeden Fall gekommen um zu bleiben: Ob man sie mag oder nicht!